Sachsen 2007

„Weinfreunde vom Hellweg“: Weinreise Sachsen 30.04. bis 05.05.07

Mo, 30.04.: Rast auf der Anfahrt aus Heidis Wunderkiste:  liebevoll Wurst-Käse-Schinken mit lecker Brot und Vorprobe Weißwein. – Logis in freundlichem Hotel „Goldener Anker“, unmittelbar am „Elberadweg“, unweit des Stromes, der nach wochenlanger Trockenheit Niedrigwasser führt und für die Dampferparade in Dresden am 1. Mai Extra-Wasser aus tschechischen Talsperren  benötigt.

Ab 18 h Winzergenossenschaft Meißen: ein gutaufgelegter Dr. Heino Blawitzki, in den 90er Jahren auch Chef des Sächs.Weinbauverbandes, schafft für uns Grundlagen zur 13. dt. Weinregion: „Im Spaß zanken wir uns mit Saale/Unstrut, wer nördlicher liegt – am nordöstlichsten sind wir allemal.“ Und ehedem, zu Barockzeiten, mit zehnfach größerer Anbaufläche, die bis Brandenburg reichte. Immerhin 49 Rebsorten mit Spezialität u. irreführendem Namen „Gold-Riesling“, zudem „Cordelier Muscat“. Nach der Wende Unterstützung von Meißens Partnerstadt Fellbach und aus Franken. Die „Genossenschaft“ hat es nach 1990 im Privatisierungstaumel zunächst schwer, investiert aber schrittweise 8 Mio Euro und betreut Hunderte Hobby-Winzer, meist jenseits der 60 und noch „geländegängig“ (Winzer Schuh) auf insgesamt gut einem Drittel der sächs. Anbaufläche von knapp 500 Hektar. „Klimawandel“: zunächst für Sachsens Weine positiv, auch außerhalb des mit Sonne und anderem verwöhnten Elbtals klimatische Perspektiven für Expansion – dagegen EU-Restriktion! Statt drei gute auf sieben schlechte Erntejahre wie zu DDR-Zeiten zuletzt umgekehrte Relation. Rotwein-Zuwachs wg. Publikumsgeschmack auf jetzt 20 Prozent – doch Portugieser und Spätburgunder munden den meisten von uns (zunächst noch) nicht. –  Traminer-Spätlese: „…als ob Dir ein Engelchen auf die Zunge pisst“.

Abendessen beim Wein-Heiligen St. Benno (bei Reformation nach Bayern geflüchtet, dort Patron fürs Bier geworden). – Bei 3,5 Mio Flaschen Wein im Jahr (Genossenschaft: 1 Mio) kommt 1 Flasche auf 1 erwachsenes Landeskind. 3500 Beschäftigte in Weinbranche, welche nicht wirklich für die Wirtschaft des Landes zu Buche schlägt, wohl aber wichtiger Standortfaktor für Tourismus und Umfeld.

Di, 01.05.: Also doch nicht Radstar Jan Ullrich, der hinter Meissen in Diesbar-Seuselitz investiert hatte. Der echte Jan Ulrich, den wir nicht antrafen, wurde durch seine Carola, ebenfalls ausgebildete Winzerin, so meisterhaft „vertreten“, dass mancher von uns im anheimelnden Rundbogenkeller unterm „Rosengarten“ aus dem Staunen über sächsischen Witz und Dynamik nicht herauskam. Denkt an den „Eierschecken- Spontan-Doppelauftritt“! Spargel, Radweg, Diesbarer Weinkönigin – alles hilft zur Vermarktung der 12 Hektar, auf dem 3000 Stöcke neu gesetzt wurden und die „Babies“ gerade nach Wasser lechzen. Goldriesling schneidet als „Sommerterrassensaufwein“ ab,  der eher unpraktischen „Sachsenkeule“ kann Carola Ulrich nicht viel abgewinnen. Sächs. Weine sind nicht zum Lagern; im Frühjahr Parole normal „eigener Wein ist aus!“. – Fünf Weine am Vormittag zu verkosten, keine Probe entgeht Peters Punkten!

Nachmittag: Meissen wird immer schöner – die Stadtführerin Irene Selzer (seit 1988 am Werk) weiß hervorragend, uns auf dem Weg  von Porzellanmanufaktur (lohnender Auftakt) vorbei an  Endprodukten Glockenspiel, Orgelpfeifen und Kruzifix durch die steile Altstadt zur Albrechtsburg hin mit der Ex-Bischofsstadt in engsten Kontakt zu bringen. „Wachet auf, ruft uns die Stimme“, in Unna entstanden, ertönt täglich um 6.30 h aus den Porzellanglocken – das auch durch  DDR-Zeiten. Nun thronen „Mehrfach-Hochbegabte“ im Internat über der Stadt. –  Den Blick aus dem Hotel Burgkeller auf die abendliche Altstadt werden wir dem Reise-Vortrupp Schäfer nie vergessen!

Und danach drängeln noch 18 Hellweger um den runden Tisch in der „Alten Apotheke“ an Kötzschenbrodas freundlichem „Dorfanger“ – der slawische Ortsname musste in den 30er Jahren dem germanischeren „Radebeul“ weichen.

Mi., 02.05.:  Dresden-Tag – „ein Tag ohne Wein“, wie unser Busfahrer Hans mit pfiffig-schnellem Blick auf den Tagesplan zu erkennen glaubte. Bis zum Nachmittag tatsächlich Frauenkirche mit informativem Einführungs-Film und Mittagsandacht, Bummel im Zentrum und auf Brühl’schen Terrassen etc. Nach Mittagspause im Cafe Coselpalais eine engagierte Barockstadt-Führung von Elektro-Ingenieur Christoph Hesse, derzeitiger Vors. des Sächs. Weinbauverbandes.  Er lässt uns nacherleben, wie August der Starke „Dresden zur Elbe hin öffnet“, den Fluss zum „Canale Grande“ italienischer Fiesta werden lässt – wie beim Schloss Pillnitz. Der „Fürsten-Zug“ ja auch auf Porzellan – nur so konnten die Farben konserviert werden. Die „Münzgasse“ heiße heute besser „Fressgasse“. Intensiv seine Vermittlung der Zwinger-Entstehung („Symmetrie ist die Kunst der Primitiven“). Mir fällt Hesses behutsamer Umgang mit der DDR-Vergangenheit auf, wenn er etwa am wenig attraktiven „Kulturpalast“-Flachbau etliche gute Seiten hervorhebt.

Böttchermeister Rolf Götze, der letzte aktive in Dresden, führt mit seinem Gesellen Eichenholz-Fassbau vor („Spiegelholz-Schnitt“) und lässt von seiner Frau entsprechend gelagerte Weine servieren. Im urigen Milieu   der Werkstatt und des Hofes sowie bei anhaltender Sonne schmeckt dann mehreren  von uns erstmalig sächsischer Rotwein. Böttcher, Küfner, Scheffler, Tonnenmacher, Büttner (und noch eine Bezeichnung, die aus meiner Holzbock-Rotwein-Mitschrift nicht mehr zu entziffern ist) – beinahe mehr Namen als noch im Lande Praktizierende; der Böttcher-Azubis hat es mittlerweile noch vier.

Weinstube in „Zur Grünen Linde“ am Hotel-Anger: erinnern Sie sich, wie charmant-schwungvoll der junge Kellner uns die Gerichte servierte? Was für ein praller Tag wiederum!

Do. 03.05.: Radebeul als Zentrale sächsischen Weinbaus ist das heutige Hauptthema.

Die „HofLößnitz“, ehemaliges Stadtgut, heute mit 8 Hektar als Öko-Weingut in Öffentlicher Stiftung mit historischen Bauten uns von Markus Exner und stellenweise von seinem aus Baden stammenden jungen Kellermeister präsentiert. Exner vermutet, dass Weinanbau schon von den Slawen betrieben sein könnte; jedenfalls war das Kloster Altzella in  Nossen bei Meissen im Mittelalter „Vorfahre“. Den steilen Radebeuler Weinhang erschließt u.a. die „Radebeuler Treppe“ mit 88 Meter Höhenunterschied, die inzwischen zu manchen sportlichen Sonderleistungen genutzt wird, bei denen Schweizer Alpine den Ton angeben. Aus der Unnaer Gruppe wird kein Rekordversuch unternommen. – Das zugehörige Wein-Museum, in dessen Räumen heute auch Konzerte oder Hochzeiten stattfinden, ist von solchem architektonischen Reiz (Innenausstattung, Deckenkassetten), dass auch der „Baedeker Sachsen“ ihm seine Aufmerksamkeit widmet.

„Schloß Wackersbarth“, 2. Station am späten Vormittag, treibt  besonders intensives Marketing: „Europas erstes Erlebnis-Weingut“. R. Schäfer steigerte dies für uns durch das spontane Einschleusen der sächsischen Weinkönigin in unsere Tischrunde! – Mit 87 Hektar fast ein Fünftel von Sachsens Weinfläche. Regelmäßige Rundführungen zu Wein- und insbesondere Sekt-Herstellung. Wir haben die Freude, von der jungen, sehr dynamischen Thüringerin  Frau Wetzel geleitet zu werden. Jeder von uns wird aus dem reichen Werbematerial Wackerbarths geschöpft haben – auch in dem gehaltvollen Info-Heft „Elbland-Ansichten“ gibt es S.26/7 einen eigenen Beitrag, so dass ich mich auf einige der launigen Weinsprüche von Frau Wetzel beschränke, bei denen sich u.a. „Befeuchtung“ auf „Erleuchtung“ reimte:

„Nimmt der Wein den Kopf Dir ein, sind auch die Füße nicht mehr Dein!“

„… bringst Du dem Alter Jugend zurück“

„Am Morgen 1 Gläschen, am Mittag dann 2, des Abends vergisst man das Zählen dabei!“

So verlief es natürlich überhaupt nicht in unserer Sachsen-Woche, auch wenn die 2. Tageshälfte im Weinhaus Schuh in Sörnewitz (östl. von Meissen) mit der eindrucksvollen Erwanderung des Weinberges  hinter dem Bosel-Felsen noch zur 3. Weinprobe des Tages, dieses Mal mit einem Rotling-Rose’ u. vier weiteren Rotweinen!, führte, welches mit einem Überraschungs-Spargelessen wunderbar abgerundet wurde.

Fr., 04.05.: Nochmals Kurs auf Meissen: In Niederau hat Familie Loose ihre Anbaufläche von 1 auf 3,5 Hektar ausbauen können. Treibende Kraft ist der selbstbewusste und trotzdem sehr Verbraucher-zugewandte Steffen Loose, der nach der Wende schon mal als Werkzeugschlosser in Lünen/Dortmund Geld verdiente. 1999/2001 hat er in Franken auf Winzer umgesattelt und nach unserm Eindruck ein hochrespektables Familien-Unternehmen hinbekommen, in dem auch noch Opa u. Oma ihre Beiträge bringen. „Loosecco“: kreativ der Name, spritzig der Geschmack. Hinaus zur Probe in die Besen-Wirtschaft neben dem Rebenhang – doch wessen Gesang empfängt uns dort am helllichten Spätvormittag? Die Elblandschaft scheint so prickelnd voll an Kultur, dass Nachtigallen Sonderschichten schieben.  “Bist Du beim Trinken,  bleib’ ruhig dabei, Deine Frau schimpft um zehn genau wie um zwei“

Im Garten vom malerischen „Bauernhäusel“ versuchen sich mittags nicht wenige an der sächsischen Kreation „Grüner Spargel mit Schokoladensauce“ – auf Meissener Porzellan serviert! (Freilich: zusammen mit der üppigen u. schmackvollen Rohmilch-Käseplatte zur Nachmittags-Weinprobe waren vieler Mägen so gut besetzt, dass die „Weingala“-Platten am Abend nicht mehr recht zu bewältigen waren.)

Weingut Schloss Proschwitz, lt. „Stern“ soeben und als erstes ostdeutsches Weingut unter „Deutschlands 100 Beste“ aufgenommen und sehr erfolgreich vom Prinzen Dr. Georg zur Lippe auf zurückerworbenem und ausgeweitetem Familiengut mit 6,5 Mio Euro Investitionen ausgebaut, 1996 in den VdP (Verband der Prädikatweine) aufgenommen – unser letzter Besuch. Beachtlicher Wiederaufbau eines Vier-Seiten-Hofes sowie des an den „Zwinger“ erinnernden Schlosses, welches ausser uns Events wie Auto-Präsentationen oder Managerschulungen in wachsender Zahl beherbergen soll. „Teuer“ seien die Sachsen-Weine eigentlich nicht, erläutert der geschickte Repräsentant, eher doch „wert-intensiv“.

Wir haben zumeist tatsächlich die Elb-Weine zunehmend schätzen gelernt, wie sich dann bei der abschließenden Weingala im „Goldenen Anker“ (mit charmanter Weinprinzessin) oder auch im Gepäckraum unseres treuen Reisebusses erwies.

Rückfahrt Sa., 05.05. nach Empfehlung von Peter Schampera über Bad Frankenhausen in Thüringen

mit Besichtigung des Tübke-Panorama-Mega-Bildes „Bauernkrieg“ aus DDR-Endzeit.

U. Knies

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.